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Fahrimpressionen TES 678 BT Preisbewusster Pole
Plus + Preis / Qualität + Nutzbarer Raum an Bord
Minus - zu kurze Genualeitschiene - Großschot
Ein neues Kajütboot für 4 Personen für gerade etwas mehr als 20000 Euro. Kann das sein? Das ist möglich, so beweist es die TES 678. Ursprünglich hergestellt für die polnischen Binnengewässer und dadurch auch sehr geeignet für die Niederlande. Ein Boot, das beweist, dass Lowbudget nicht zugleich zweitrangig bedeuten muss.
Text: Jan Briek Fotos: Bertel Kolthof
Der Designer und Hersteller der Tes, Tomasz Siwik, arbeitete jahrelang für verschiedene polnische Werften bis er vor 12 Jahren seinen eigenen Betrieb gründete. Das erwies sich als ein guter Schritt. Tes Yachtbau baut inzwischen rund 80 Boote pro Jahr und vom Typ dieser Fahrimpressionen wurden schon mehr als 100 Boote gebaut. Das Programm von Tes umfasst drei Modelle: neben der Tes 678 sind das die 550 (5,5 m lang mit vier festen (!) Schlafplätzen) und die 32 Dreamer (9,79 m über alles mit zwei festen Kabinen.) Tes war bis vor kurzem vor allem im eigenen Binnenland und auf dem deutschen Markt aktiv. Seit Polaris International diese Marke importiert, hofft Tes auch in den Benelux-Staaten Fuss fassen zu können.
Die Tes 678 ist ein typischer Repräsentant des polnischen Yachtbaus. Das Land hat eine große Menge geschützter Binnengewässer und es ist dann auch nur logisch, dass dort Boote wie diese Tes 678 entstanden. Mit einem Mittelschwert, um den Tiefgang zu begrenzen und einen bequem klappbaren Mast, um Brücken die Stirn bieten zu können. Viel mehr als in den Niederlanden ist Wassersport in Polen noch eine echte Familienangelegenheit und ein relativer Luxus. Von daher sind auch kleinere Boote echte „Häuschen auf dem Wasser“. Mit relativ viel Schlaf- und Stauraum und – natürlich unter Berücksichtigung der Länge – viel Komfort an Bord. In den Niederlanden würde ein Boot wie dieses mal schnell als richtiges Zweipersonenboot durchgehen, in Polen nicht.
Mittelschwert und Innenballast
Beim Entwurf der Tes 678 stand die optimale Ausnutzung des Raumes im Mittelpunkt. Daneben musste das Boot für die Binnengewässer geeignet sein. Standardmäßig hat es darum ein Mittelschwert und ein aufholbares Ruder. Das Schwert, das man mit einer Leine aus der Plicht bedient, wiegt selbst 85 kg und das Boot hat zusätzlich 350 kg Innenballast auf dem Boden. Dieser Ballast kann – optional – herausnehmbar geliefert werden, mit Rücksicht auf das Trailergewicht des Bootes. Eine Klappmastinstallation ist optional und vergrößert natürlich die Einsatzmöglickeiten der Tes. Die extra 440 Euro sind so ’ne Einrichtung wohl wert.
Innen fällt auf, wie gut der Raum ausgenutzt wurde. Zugegeben: man muss gut miteinander auskommen können, um mit vier Personen einen Sommerurlaub auszuhalten, aber mit ein bischen Familie kann man sich das doch zutrauen.
Gute Ausnutzung
Das Interieur ist auf einer großen Innenschale aufbebaut; zwischen Rumpf und der Schale ist das Boot ausgeschäumt. Unter Deck findet man – nur hier und da in kleinerm Maßstab natürlich – alles, was auch in einem durchschnittlichen 30-Füsser enthalten ist. Das einzige, was eigentlich fehlt, ist eine Navigatorecke. Aber die Karte kann auch gut auf den Kajütentisch; wir sprechen hier schliesslich über ein Boot, das noch keine 7,50 m lang ist. Was hat man also? Zwei feste Zweipersonenschlafplätze zum Beispiel. Mit Abmessungen, die sie hervorragend brauchbar machen. Das Bett im Vorschiff hat eine Liegenlänge von 2,10 m und ist maximal 1,75 m breit. Unter dem Vorbett liegen die Tanks. Das scheint auf den ersten Blick ein etwas unglücklicher Platz wegen der Gewichtsverteilung zu sein, aber es kompensiert gut das Besatzungsgewicht in der Plicht. Achtern, unter der Plicht liegt man quer und hat 2 zu 1,15 m zur Verfügung.
Beachtlicher Raum
Ferner ist der beachtliche Stauraum durch das ganze Schiff auffallend. Eine Kombüse und eine abschliessbare Toilette komplettieren die Ausstattung. Was die letzten beiden betrifft: sie sind bescheiden ausgeführt, aber erfüllen voll ihren Zweck. Die Kombüse zum Beispiel befindet sich direkt an Steuerbord neben dem Kajüteneingang. Man hat eine kleine, nicht seefestes Kochstelle, ein Waschbecken und Kochen tut man sitzend auf der Kajütentreppe. Nicht der wahre Luxus, aber es klappt. Nochmal, die Tes ist noch keine 7,5 m lang.
Die Ergonomie in der Kajüte ist auffallend gut. Auf den Sitzbänken sitzt es sich prima und man hat mit 1,15 m Höhe mehr als genug Kopfraum, man sitzt nicht mit dem Kopf gegen die Unterkante des Decks, wie es bei kleinen Booten schon mal vorkommt. Die Stehhöhe in der Kajüte geht von 1,57 m beim Mast bis 1,70 m beim Kajüteingang.
Unruhig in Böen
Wir fahren mit der Tes von Lemmer aus auf das Grote Brekken. Der Wind ist böig, 3 bis 4 Beaufort. Ein Boot wie die Tes, mit Mittelschwert und Innenballast hat definitionsmäßig etwas weniger Anfangsstabilität als eine Kielyacht; der Gewichtsschwerpunkt liegt immer höher. Nun muß das an sich kein Problem sein wenn man gute Qualitätssegel hat und ebensolche Trimmöglichkeiten. Bei der Tes 678 sind Segel polnischer Bauart vorgesehen. Die Form ist ziemlich ‚bauchig’ und sie sind sehr schwierig flach zu trimmen.
Dadurch wird das Boot in Böen etwas unruhig. Man kann die Windenergie nicht schnell in Geschwindigkeit umsetzen, sie wird umgesetzt in unnötige Krängung. Das Boot hat in Böen die Neigung, anzuluven und in den Wind zu drehen. Nun kann man sowas im allgemeinen bequem durch fieren der Großschot abfangen, aber daran haperts. Die Blöcke und Klemmen zur Anwendung der Großschot funktionieren nicht optimal. Dadurch kann man Böen nicht gut abfangen und das Boot hat die Neigung, aus dem Ruder zu laufen. Eine bessere Großschotqualität sollte dieses Problem schon zu einem Großteil auffangen.
Schöpfen (?)
Dazu kommt noch was: die Schienen de Genua sind zu kurz. Sie laufen nicht weit genug nach achtern, so dass die Leitöse zu weit vorne stehenbleibt. Die Folge: Wenn Spannung auf die Schot kommt, zieht man das Achterliek der Genua nach innen. Das Segel fängt an zu schöpfen und wird den Wind nicht mehr los. Auch hierdurch legt sich das Boot in Böen schnell auf die Seite und ist manchmal schwer in der Hand zu halten.
Denkt jetzt nicht, dass die Tes sich gebärdet wie ein bockiges Pferd. Die Yacht fährt schön flott, ist lebendig genug und läßt sich bequem steuern. Ein Racer ist sie natürlich nicht aber für eine kleine Tourenyacht sind die Leistungen bei diesem Wetter akzeptabel. Am Wind messen wir 4,5 Knoten auf dem GPS und können eine Höhe am wahren Wind von ca. 45 Grad halten. Mit halbem Wind packt die Tes noch einen halben Knoten obendrauf. Das wird ein Publikum, das sich für ein Boot wie dieses interessiert, doch
zufrieden stimmen.
Obendrein sind diese „Probleme“ unter Segel sicher nicht unüberwindlich: eine bessere Großschot, längere Genuaschienen und etwas flacher geschnittene Segel, das muss doch möglich sein?
Genau wie innen bietet das Boot auch aussen auf seiner Länge das maximal herausholbare. Die Plicht ist komfortabel für zwei, tauglich für drei und bietet genügend Raum für vier, wenn zwei von den vieren Kinder sind.
Zusammenfassung
Die Tes 678 ist ein reines lowbudget-Boot. Was kann man heute noch neu für einen „von“-Preis von 23000 Euro kaufen? Dass lowbudget nicht bedeutet, dass man mit einem Zweiteklasseboot zufrieden sein muss, beweist die Tes. Das Preis/Qualitätsverhältnis ist prima. Das Boot ist durchweg ok, das Polyester sieht ordentlich aus, gerade so wie die Ausführung des Interieurs. Die Segeleigenschaften können relativ einfach verbessert werden.
Das Boot bietet für seinen Preis und seine Länge bemerkenswert viel Innen- und Aussenraum. Nun hat man für den ‚von’-Preis klar ein karg ausgerüstetes Schiff. Dem steht freilich gegenüber, dass die Preise der Zubehörpreisliste in Verhältnis stehen zum Anschaffungspreis des Bootes; was Extras kosten, entscheidet nicht der Kopf.
Ein neues Schiff kurzum, für die schmalen Geldbeutel. Geeignet für die Binnengewässer und einen Tag Ijsselmeer, wenn das Wetter es zulässt.
Bilder:
1 Eine relativ große Plicht, wo drei Erwachsene oder Papa und Mama mit zwei Kindern gut Platz haben
2a und 2b Die optionale Mastlegevorrichtung vom erprobten „Bocksfussmodell“ ist den Mehrpreis von 440 Euro sicher wert. Die Tes ist vor allem ein Kajütboot für die Binnengewässer, eine Mastlegevorrichtung vergrößert die Einsatzmöglichkeiten beachtlich.
3 Im Standard wird das Boot mit einer 9,5 qm großen Fock geliefert; eine 12,5 qm – Genua ist eine Option. Allerdings hat die Tes – Mittelschwertyacht mit Innenballast – nicht soviel Segel nötig. Stärker noch: Weil die Anfangsstabilität sowieso geringer ist als die einer Kielyacht, ist eine etwas kleinere Segeloberfläche so schlecht auch nicht.
4 und 5 Eine kleine Kombüse und eine dito Nasszelle komplettieren das Interieur. Der Raum ist begrenzt, aber es funktioniert.
6,7 und 8 Durch das relativ stattliche Freibord und die volle Rumpfform ist der Innenraum beachtlich. Auf den Sitzbänken sitzt man prima und man hat mehr als genug Kopfraum. Die Schlafplätze vorne und achtern sind mit respektablen 2,10 und 2 Metern geeignet für Erwachsene. Gegen Mehrpreis wird die Vorpiek selbst mit einem Schott von der Kajüte abgeschlossen.
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